Spinnverfahren:
Für das Herstellen von Garnen aus Wolle, langstapeligen Chemiefasern sowie aus deren Mischung kennt man mehrere Verfahren:

Kammgarnspinnverfahren
Halbkammgarnspinnverfahren
Streichgarn-Spinnverfahren
Alternative Spinnverfahren

Kammgarnspinnverfahren
Bei dem hochwertigen Kammgarnspinnverfahren werden vor allem Wolle, Chemiefasern und deren Mischung eingesetzt.
Der Name "Kammgarn" gibt einen Hinweis für die Verarbeitung der Fasern, die besonders durch das Kämmen ihr charakteristisches Merkmal erhalten.

Beim Kammgarnspinnverfahren ist eine größere Zahl von Maschinendurchgängen notwendig, weil die glatten, feineren Garne mehrere Verzugspassagen nötig machen und die entstehenden Ungleichmäßigkeiten (auch im Kammzug) durch mehrmaliges Doublieren verbessert werden. Das gesponnene Garn ist deshalb sehr gleichmäßig, hat ein hohes Volumen und einen weichen Griff. Eingesetzt werden diese Garne vor allem für Herren- und Damenoberbekleidungsgewebe und für Wirk- und Strickwaren. Die hergestellten Garnfeinheiten schwanken von 42 tex (Nm24) bis 10 tex (Nm100), meist von ca. Nm 16 bis Nm 100.

Als Fasern werden neben langen, gröberen, wenig gekräuselten Kammwollen (über 100 mm Länge) auch feinere Wollen (von Merinoschafen) eingesetzt. In zunehmendem Maße verwendet man Chemiespinnfasern (Wolltypen) mit bis zu 170 mm Stapellänge, die vor allem in Feinheit und Länge dem Kammgarnspinnprozeß angepasst sind.

Halbkammgarn Spinnverfahren

Der Ausdruck Halbkammgarn-Spinnverfahren ist aus dem Englischen übernommen. Er ist eigentlich nicht zutreffend. Es wird nicht "halbgekämmt", sondern nur auf den Kämmprozeß verzichtet.

Halbkammgarne haben ein etwas haariges Aussehen und liegen in den Eigenschaften zwischen den Streich- und Kammgarnen. Meist werden hierfür zwischen 80-200 mm lange Natur- oder Chemiefasern bzw. deren Mischungen verarbeitet.
Da im Halbkammgarn-Spinnverfahren bei der Verarbeitung von Chemiefasern weder eine Knötchenbildung bei Schlingenware, noch ein Verfilzen der Oberfläche (bei Velour) zu erwarten ist und Halbkammgarne bei der weiteren Verarbeitung, besonders auf Tufting-Maschinen, nur wenig aufrauen, werden sie vor allem bei textilen Bodenbelägen, aber auch bei Heimtextilien (Dekorations- und Möbelstoffe) und technischen Artikeln verwendet.

Das Sortieren, Öffnen, Waschen, Trocknen, Schmälzen und Krempeln (ein- und mehrtambourig) geschieht ähnlich wie bei der Kammgarnerzeugung. Nach dem Öffnen wird häufig ein Mischautomat eingesetzt, um eine gleichmäßige Mischung zu erreichen. Beim anschließenden Strecken werden drei bis vier Passagen Doppelnadelabstrecken eingesetzt. Als letzte Passage kann auch eine nadelstablose Strecke verwendet werden. Die letzte Maschine innerhalb der Vorbereitung ist die Hechelstrecke, Hochverzugs-Nitschelstrecke oder der Flyer. In der Feinspinnerei arbeitet man mit Ringspinnmaschinen, die bereits mit "Superstreckwerken" mit bis zu sechs Zylindern mit Verzügen bis 20-fach ausgestattet sind.

Streichgarn-Spinnverfahren
Das Streichgarn-Spinnverfahren wird vor allem für Wolle, Chemiespinnfasern, Reißwolle und Baumwollabfälle eingesetzt und wird auch Zweizylinderspinnverfahren genannt. Der Name "Streichgarn" gibt einen Hinweis auf die Verarbeitung der Fasern, die vorwiegend durch Streichen (=Krempeln) bearbeitet werden.
Das Streichgarn-Spinnverfahren ist das kürzeste Spinnverfahren, was die Anzahl der Maschinendurchläufe betrifft; vor allem fehlen die zahlreichen Streckpassagen mit Dublierungsmöglichkeiten. Ein Parallelisieren der Faser ist bei dieser Spinntechnik nicht möglich. Das gesponnene Garn ist besonders durch seine Wirrfaserlage charakterisiert. Es werden vor allem weiche, offene und voluminöse Garne hergestellt, die über zahlreiche nicht parallel liegende Fasern verfügen und die viele abstehende Faserenden aufweisen. Die hergestellten Garnfeinheiten schwanken von 330 dtex (Nm30) bis 10.000 dtex (Nm1), am meisten wird 500 dtex (Nm20) bis 2.500 dtex (Nm4) versponnen. Eingesetzt werden Streichgarne für raue, füllige und gröbere Gewebe (Rau- und Walkwaren), die meist meliert werden.

Alternative Spinnverfahren
Neben den klassischen Spinn- und Zwirnverfahren gibt es mittlerweile einige neue Herstellverfahren, die für einige Teilbereiche interessant sind, sich jedoch vor allem in speziellen Einsatzgebieten durchgesetzt haben. Häufig haben einzelne Spinnereien selbst innerhalb eines angewandten Spinnverfahrens eigene, betriebsspezifische Herstellprozesse entwickelt. Hierzu gehören z.B. Verfahren wie das Kompaktspinnverfahren, das V-Spinnverfahren und das DREF-Spinnverfahren.

Da aus Wettbewerbsgründen am Standort Deutschland nur noch vereinzelt Massenartikel gefertigt werden, wie z.B. Spezialgarne für besondere Einsatzzwecke, haben die einzelnen Spinnereien selbst eigene, betriebsspezifische Herstellprozesse entwickelt.
Hierzu gehören z.B. Verfahren wie das Verdichtungsspinnverfahren, Friktionsspinnverfahren, Cerifil, Ply-Fil und das Spinnfachsystem Suessen.